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"Underground Railroad" von Colson Whitehead

whiteheadIn der Bibliothek-Mediathek verfügbar unter der Signatur: WHIT

Colson Whitehead hat mit «Underground Railroad» ein amerikanisches Epos aus Sicht der Schwarzen geschaffen. Das Buch räumte Preise ab, stand auf der Leseliste von Obama und monatelang an der Spitze der Bestsellerliste der «New York Times».

Zurzeit ist es der Nordkorea-Konflikt, vorher war es die neue Strategie in Afghanistan: Die Aussenpolitik der USA ist wieder in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt. Sie drängt den schwelenden Kulturkampf in den Schatten, der jüngst im Inneren Amerikas übergekocht war. In Charlottesville kam es Anfang August zur tödlichen Eskalation der Gewalt, Auslöser war der Streit um die Entfernung einer Statue von Südstaaten-General Robert E. Lee.

Der Streit ist alles andere als ein Einzelfall. Im Süden der USA gibt es zahlreiche Statuen von Generälen und Soldaten der konföderierten Armee. Das Heer der Südstaaten hatte im Amerikanischen Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 gegen den Norden gekämpft. Kritiker sehen in den Statuen Monumente einer finsteren Zeit, als die Gesellschaft auf das Fundament der Sklavenhaltung gebaut war. Es ist etwa so, als würde man in Europa um Denkmäler von ehemaligen Nazigenerälen streiten. Schwarze waren Menschen ohne Rechte im Amerika, das sich gerade erst 1776 mit der Unabhängigkeitserklärung und den darin ausgerufenen Gleichheitsversprechen vom Joch des Mutterlandes befreit hatte.

Obamas Sommerbuch

«Dieses Übel sickert in den Boden ein. Manche sagen, dass es sich darin anreichert und stärker wird», schreibt der US-Amerikaner Colson Whitehead über die Sklaverei in seinem grossartigen Roman «Underground Railroad». Das Buch ist letztes Jahr im amerikanischen Original erschienen. Es wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter dem National Book Award und dem Pulitzerpreis, Oprah Winfrey empfahl den Roman in ihrem Online-Buchclub, Barack Obama setzte ihn auf seine Leseliste, und er wurde in 40 Sprachen übersetzt. Nun ist er auch auf Deutsch erschienen. «Wir haben noch immer nicht genug Verständnis dafür, wie gross die Auswirkungen der Sklaverei bis heute sind», sagte Colson Whitehead bei Oprah Winfrey. «Sklave zu sein bedeutete, nie die Sicherheit zu haben, die eigene Familie würde so viele Jahre wie von Gott vorgesehen zusammenbleiben.» Wie Ware wurden Eheleute, Väter, Mütter und Kinder auseinandergerissen.

Zentral in Colson Whiteheads Roman ist die «Underground Railroad» des Titels. Sie war ein Codewort für ein geheimes Netzwerk von Fluchtrouten, Treffpunkten und Unterschlüpfen. Am Netzwerk beteiligte Helfer nutzten das Bild der Eisenbahn, um sich zu verständigen, sie sprachen von «Bahnhofsvorstehern», «Schaffnern» oder «Bahnhöfen». «Viele Leute hören heute in ihrer Kindheit erstmals davon und denken an eine richtige Eisenbahn», so Whitehead. Damit war die Idee für das Buch geboren.

Die unterirdische Eisenbahn gibt es darin wirklich, sie ist ein fantastisches Element mit ihren Tunneln, die auftauchen, wieder versiegen oder ins Leere führen, und mit ihren Zügen, die einfahren oder ausbleiben. Sechzehn Jahre lang trug der Autor die Idee mit sich herum. In der Zwischenzeit hat er fünf andere Romane und zwei Sachbücher geschrieben.

Die Eisenbahn im Untergrund verleiht Whiteheads Buch die Struktur. Der 48-jährige Autor erzählt darin die Odyssee seiner jungen Heldin Cora, die in dritter Generation auf einer Baumwollplantage in Georgia geboren wird und sich auf die gefährliche Flucht in den Norden wagt. Abolitionisten und vor ihnen Quäker und Mennoniten hatten in den nördlichen Bundesstaaten seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts erfolgreich auf den Ausstieg aus der Sklaverei hingewirkt.

Ergreifende Bilder

Obwohl Whitehead sich auf historische Quellen stützt, insbesondere auf Oral-History-Berichte von ehemaligen Sklaven, die in den USA in den 1930er-Jahren gesammelt wurden, verdichtet er Coras Flucht zu einem amerikanischen Epos von universeller Tiefe. Coras Stationen in den verschiedenen Bundesstaaten – mit deren je eigenen Chancen und Gefahren – zeichnen ein Panorama möglicher amerikanischer Realitäten. South Carolina scheint vordergründig liberal zu sein, heimlich jedoch werden Sterilisationsprogramme und Syphilis-Studien durchgeführt. In North Carolina versteckt sich Cora monatelang in einem Dachboden wie Anne Frank. In Indiana lebt sie frei auf einer von Farbigen geführten Farm.

Whitehead folgte dem Motto: «Halte dich nicht an Tatsachen, sondern an die Wahrheit.» Das Buch soll den Verständnishorizont des Lesers, was verschiedene Aspekte der Sklaverei und der amerikanischen Geschichte angeht, erweitern. Geschickt verwebt der Autor darin die spezifische Lebensrealität der Sklaven und lässt existenzielle Erfahrungen wie die Einsamkeit, die Beziehung zwischen Mutter und Tochter oder die Liebesfähigkeit greifbar werden. Der Roman besticht durch die knapp gehaltene, kraftvolle Sprache und seine bei aller Brutalität ergreifenden Bilder. Etwa, wenn Cora und der ihr nachstellende Sklavenfänger Ridgeway sich wie in einer Liebesumarmung gefangen in einen Tunnel hinabstürzen.

Unterdrücker und Unterdrückte in einem ewigen Tanz, so mag diese Szene einem vorkommen. Gerade in der jüngeren Geschichte, wo der weisse Nationalismus wieder Oberwasser gewonnen hat und sich Kulturkämpfe nicht nur bei den Statuen der Südstaaten-Generale zeigen. «Die Wahrheit war eine wechselnde Auslage in einem Schaufenster, von menschlicher Hand verfälscht, wenn man gerade nicht hinsah, verlockend und stets ausser Reichweite», lässt Whitehead seine Heldin Cora sagen.

Anne-Sophie Scholl, Berner Zeitung, 04.09.2017

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