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"Tyll" von Daniel Kehlmann

kehlmannIn der Bibliothek-Mediathek verfügbar unter der Signatur: KEHL

Toller Tanz auf dem hohen Seil
Daniel Kehlmanns grossartiger Roman «Tyll» über Lieben und Sterben im Dreissigjährigen Krieg – lesen!

Es begab sich zu einer Zeit, da die neue Linke die Revolution für verloren gab und sich ersatzweise auf die Kunst warf. Es blühte das politische Kabarett, es grünte das Alternativtheater. Nicht selten war die Hauptfigur ein gewisser Till Eulenspiegel, ein Schalk, klug wie eine Eule; er hielt als Hofnarr den Herrschenden den Spiegel vor.

Tempi passati. Die Linke, wenn sie nicht furchtbar aufpasst, droht selber zum Hofnarren zu werden, vom globalen Finanzkapital mild belächelt wie das gesamte Parteiengestrampel im Polit-Zirkus unserer Tage. Und Tyll?

Bestseller-Autor Daniel Kehlmann, 42, von Jugendrevolten unbeleckt, stellt in seinem neuen grossartigen Roman «Tyll» die Schalksfigur dorthin, wo sie hingehört: an den Rand des politischen Geschehens. Tyll ist ein Spassmacher aus Ohnmacht. Über ihn brausen ganze Herrschergeschlechter und Heere hinweg, dazu Hunger und Pest. Wir schreiben den Dreissigjährigen Krieg.

Blutende Pracht

Der Dreissigjährige Krieg kommt bei Kehlmann bisweilen in prächtig blutenden Barock-Bildern daher. Das blaue Himmelsband, die aschgrauen Felder, verbrannt wie die Dörfer. Hungrige Wölfe wie «Schreckgestalten aus alten Märchen». Blitzende Lanzen, die Luft voll Metall. Das rot spritzende, verrinnende, versickernde Blut. Am Ende der Ritt in den Schnee, Generationen begraben, mit ihnen die Könige, über allem das grimmige Lachen des Narren Tyll, der nur eines will: überleben.

Es ist ein Krieg, der wie ein Naturereignis voranschreitet, unaufhaltsam, in Schrecken und Schönheit. Kehlmanns Krieg ist ein Lesegenuss. Dabei erzählt er zunehmend aus der Perspektive der Fürsten. Er widmet seine Schreibenergie klar dem Adel, nicht den leidenden Bauern. Man kann das für reaktionär halten – wenn man es darauf anlegt, Kehlmann als Konservativen zu konservieren.

Kehlmann ist anders. Er ist ein geborener Erzähler, wie andere geborene Adlige sind. Sein Stand ist der Dichterstand. Konservativ ist er allenfalls in dem Sinne, dass er am stärksten nicht mit dem Kommenden, sondern mit dem Vergangenen sympathisiert. Er verteilt seine Empathie auf alle, die da litten, liebten und starben, ohne Ansehen von Stand und Person. Der grosse Krieg kennt keine Gnade, er trifft die Armen wie die Reichen, die Bauern wie die Klöster wie die Fürsten. Das ist die Moral von der Geschicht’.

Gefühlsklug durchdacht

«Tyll» ist ein Geschichtspanorama in acht Kapiteln. Der Narr ist Führer. Es gibt keinen festen Erzählerstandpunkt. Stattdessen entwirft Kehlmann im Eingangskapitel die wundersame Vision eines allumfassenden Erzählers, durchaus im Sinne von «das All umfassend».

Das hört sich kompliziert an. Dabei ist es ein Kunstereignis von Gnaden. Man muss es erleben. Um einen Eindruck zu bekommen, wie virtuos Kehlmann schreibt, wie gefühlsklug und handwerklich durchdacht, sei das erste Kapitel kurz umrissen. Es funktioniert wie eine Schneekugel, die gesamte Welt dieses Romans umfassend.

Im ersten Kapitel erzählt ein «Wir». Es ist dies das Wir einer Dorfgemeinschaft. Das Wir berichtet von Tylls Auftritt im Dorf. Wir sehen, wie er mit seiner Geliebten Nele das Stück «Romeo und Julia» aufführt. Wir hören, wie er in einer Spottballade den irrwitzigen Krieg rekapituliert. Wir erleben, wie er Könige als Dummköpfe verhöhnt und das Volk für blöd verkauft. Das alles ist typisch Tyll und wäre nichts Besonderes – wenn dieses «Wir», das hier erzählt, nicht schon längst tot wäre, das gesamte Dorf niedergemetzelt von Soldaten.

Es gibt kein Wir mehr. Es gibt keine Augenzeugen von damals. Es gibt nur Menschen wie Kehlmann, die Nach-Dichter.

Kehlmann lauscht mit uns den Toten nach. Dem Wir, das wir alle noch sind, und jenem Wir, das das tote Dorf war. Die Toten sprechen: «Uns andere aber hört man dort, wo wir einst lebten, manchmal in den Bäumen... Der Tod ist immer noch neu für uns, und die Dinge der Lebenden sind uns nicht gleichgültig. Denn es ist alles nicht lang her.»

Mit diesem all-umfassenden Satz endet das erste Kapitel, und es beginnt die Geschichte vom Tyll, dem Müllerssohn, fast ertränkt worden im Fluss, im Wald vor Angst beinahe gestorben, die Geister, die Stimmen, da bringt der Bub seinen Esel um, setzt sich Eselsohren auf, Furcht, Blut und Mehl...

Keiner macht sich freiwillig zum Narren. Tyll verliert seine Eltern. Sein Vater, ein Büchernarr, will (wie Goethe) die Urpflanze entdeckt haben; er wird als Hexer angeklagt, gefoltert und hingerichtet. Die Mutter verschwindet. Tyll bleibt nichts anderes übrig, als mit seiner Nele in die Welt hinaus zu ziehen.

Grausame Schlacht

Es wird eine lange, wundersame Lese-Reise mit wechselnden Erzählern. Einmal berichtet ein dicker Graf. Er soll Tyll im Auftrag des Kaisers aus dem Kloster-Versteck Andechs an den Hof holen. Sie geraten 1684 in die furchtbare Feldschlacht von Zusmarshausen. Der dicke Graf will die Ereignisse nachträglich in seinem Lebensbericht beschreiben; doch das Grauen spottet jeder Beschreibung. Da klammert er sich an den «Simplicissimus» (von 1668). Wie Kehlmann den verzagten Grafen mit leisem Spott bedenkt, ist ein tragikomisches Meisterstücklein.

Einer von Tylls vielen Wegen führt zu Friedrich V., der Pfalzgraf ist Mitverursacher des Kriegs. In den Augen seiner englischen Gemahlin Elisabeth (Liz) ist er ein geistig unterbemittelter Schwächling. Kehlmann bricht Weltgeschichte auf Privatgeschichten herunter. Szenen einer Ehe im Herrscherhaus, das ist nicht jedermanns Sache, hat aber wie jede Unverhältnismässigkeit Witz – und eine leise Zärtlichkeit.

Doppelter Abschied

Mehr noch: Im hohen Herrscherpaar (Friedrich und Liz) spiegelt sich das niedere Gauklerpaar (Tyll und Nele) – ein weiteres Kunststücklein. Und weiter noch: Weil beide Paare, das hohe wie das niedere, jedes anders, vom Krieg geschüttelt und am Ende vom Alter geschwächt sind, läuft der Roman auf Trennungsszenen der doppelt erschütternden Art zu.

Daniel Kehlmann, Wächter des Vergangenen, inszeniert im letzten Drittel seines Romans eine Zeremonie des Abschiednehmens. Dabei blickt er noch einmal auf die lichte Jugendzeit von Nele und Tyll zurück – nur um desto dunkler ihr Alter herauszuarbeiten. Nele geht eine Versorgungsehe mit dem Hofmathematiker ein. Tyll ist allein. Das schmerzt.

Am Ende ist Tyll zum Hofnarren des Kaisers aufgestiegen, ein erbärmlicher Spassmacher, der sich selbst verletzt, um mehr Geld zu kassieren. Der Westfälische Friede ist da. Beim Ball der Botschafter bietet die alte Königin Elisabeth dem alten Tyll das Gnadenbrot an: In Frieden zu sterben, ist das nicht das Beste? Nein, sagt Tyll, nicht zu sterben, das ist viel besser.

Und weil er nicht gestorben ist, so lebt er bis heute. Vagabundiert durch diesen aberwitzig schillernden Roman. Verschwindet für ein Kapitel, taucht wieder auf, ist kaum noch zu erkennen, höchstens an seinem ingrimmigen Grinsen. Wechselhaftigkeit ist sein Element, Unstetigkeit sein Schicksal.

Kubistisch gemacht

Im Epochengemälde von Daniel Kehlmann ist Tyll die kubistische Gestalt, gebrochen, kaputt geschlagen, schief zusammengesetzt, mit bösem Lachen. Er ist der Einzige, über den sich der Autor nicht mokiert. Es ist nicht lustig, Narr zu sein.

Die übrigen Personen begleitet Kehlmann mit humorvollem Unterton, schwer erarbeitet und leicht in der Wirkung. Er schreibt so, wie Tyll auf dem hohen Seil tanzt – fein ausbalanciert, immer gefährdet. Seht her, es ist ein Artefakt. Seht, wir sind nicht Wirklichkeit, sondern Erzählung. Wir sind in einem Buch, das mal von einem dicken Grafen verfasst wird und dann wieder Märchen ist. Seltsam, am meisten erschüttert der Tod des alten Drachens. Ist das konservativ?

Am Ende ist es so, dass man als Leser, egal welcher Couleur, egal ob Historiker oder Literaturfreund, Kehlmanns Reichtum an Fantasie verfallen muss, so, wie Daniel Kehlmann dem Tyll verfallen ist: Er ist einfach da, sui generis, eine Klasse für sich.

Christine Richard, Basler Zeitung, 14.11.2017

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