logo yoo court

Lieblingsbücher

"Meine Schwester, die Serienmörderin" von Oyinkan Braithwaite

braithwaiteIn der Bibliothek-Mediathek verfügbar unter der Signatur BRAI in der Abteilung Krimis

Die schwarze Witwe

Ein Buch als Waffe: Oyinkan Braithwaites »Meine Schwester, die Serienmörderin« erzählt mit blutigem Überschwang von der Emanzipation junger Afrikanerinnen.

Oh, das ist vielleicht zehn Jahre her«, sagt Oyinkan Braithwaite, 32, am Telefon, »da habe ich zum ersten Mal von dieser Spinne, der Schwarzen Witwe, gehört und davon, dass die Weibchen die Männer nach dem Geschlechtsakt einfach oft aufessen.« Das habe sie derart großartig gefunden, dass sie gleich zwei Gedichte darüber geschrieben habe, wie das bei Menschen aussähe. »Die Gedichte sind schrecklich peinlich«, sagt sie jetzt und lacht. Mittlerweile aber hat sie einen ganzen Roman über eine derartige Killerin verfasst. Die »New York Times Book Review« nannte ihn beim Erscheinen »ein Granatenbuch«, der »Guardian« einfach »sensationell«. Und dann stand er auch noch auf der Longlist des Booker-Preises. Inzwischen ist »Meine Schwester, die Serienmörderin« auch auf Deutsch erschienen. Er liest sich wie eine gute Mischung aus Tarantino-Filmskript und Manga-Comic und spielt dort, wo auch Braithwaite lebt: in Lagos, Nigeria.

Im Mittelpunkt des Buchs stehen zwei Schwestern. Die eine, die Ich-Erzählerin, ist Krankenschwester, unauffällig, hilfsbereit und scheu. Ihr Name ist Korede. Die andere, sie heißt, Ayoola, ist magnetisch schön und mordlustig. »Ayoolas Hautfarbe ist irgendetwas zwischen Creme und Karamell, meine dagegen ist die einer Paranuss vor dem Schälen; sie besteht nur aus Kurven, ich bin ausschließlich aus harten Kanten zusammengesetzt.« So stellt die Krankenschwester beide vor.

Paranuss und Karamell – diese selbstbewusst überklischiert beschriebenen jungen Frauen wirft Braithwaite in rasantem Erzähltempo von Liebes- in Mord- in Fluchtszenen. Ayoola killt jeden, der ihr verfällt. Korede muss danach beim Aufräumen und Wegschaffen der Leichen helfen. Wann immer die Killerin ihrer Schwester einen neuen Geliebten vorstellt, sieht diese in ihm schon die Leiche, die er in wenigen Tagen sein wird. Ayoola, die schwarze Witwe von Lagos.

 

Die ist unerschütterlich und frohgemut. Gerade hat sie einen harmlosen Dichter in dessen Wohnung ermordet und die Leiche verschwinden lassen, schon will sie einen gigantischen Rosenstrauß, den sie von einem neuen Verehrer bekommen hat, stolz auf Instagram posten. Ihre Schwester erinnert sie daran, dass sie öffentlich ein wenig trauern müsse, um keinen Verdacht zu erregen. Ayoola schmollt: »›Wie lange muss ich denn noch langweiliges, trauriges Zeug posten?‹ ›Du musst gar nichts posten.‹ ›Aber wie lange noch?‹ ›Ein Jahr vielleicht.‹ ›Das ist nicht dein Ernst.‹«

Und sie geht weiter, auf ihrem mörderischen Pfad. Liebhaber sammeln, Geschenke sammeln, Liebe sammeln und dann Leichen. Braithwaite schreibt das lustig, schnell, mitleidslos und cool auf. Und natürlich beschreibt sie auch die Gründe, warum Ayoola zur Killerin wurde. Der Vater der beiden führte ein Terrorregime zu Hause. Schlug die Mädchen und seine Frau regelmäßig mit dem Stock, aus nichtigen Gründen, hatte Geliebte, brachte sie schamlos mit nach Hause, plante, seine schöne Tochter früh an einen Geschäftsmann zu verkaufen. Terror und Verachtung und Hass. Sobald ein Beobachter von außen hinzukam, war er der sensible Familienvater. Als er endlich starb, war die Erleichterung der Frauen unendlich groß. Aber Gewalt hinterlässt tiefe Spuren, die nie verschwinden.

Spuren in der Seele der Menschen, ganz unterschiedliche Spuren. Die Ich-Erzählerin erkennt irgendwann erschrocken ihren Vater in ihr, der Schwester, die von ihm mit besonderer Brutalität und Verachtung behandelt wurde: »Sie erinnert mich immer mehr an ihn. Er konnte etwas Böses tun und sich direkt im Anschluss wie ein Musterbürger benehmen. Als wäre das Böse nie geschehen. Steckt das im Blut? Aber sein Blut ist mein Blut, und mein Blut ist ihres.«

Braithwaites Roman »Meine Schwester, die Serienmörderin« ist auch ein Buch über häusliche Gewalt, über die Unausweichlichkeit von Familienterror für all die, die ihm ausgeliefert sind. »Gewiss ist die Lage in den Familien jetzt, in Zeiten des Lockdowns, auch in Nigeria besonders schlimm«, sagt die Autorin. »Vielleicht ist das Problem hier, dass die Möglichkeiten für Frauen, auf ihre Probleme aufmerksam zu machen, aufzustehen, wegzugehen und Recht zu bekommen, nicht sehr groß sind.« Immerhin habe die Regierung von Lagos vor einer ganzen Weile schon ein Notrufteam für Opfer häuslicher Gewalt gegründet. Und die sozialen Medien verschaffen diesen Teams die Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit, die sie brauchen, um ihre Hilfe anbieten zu können.«

Oyinkan Braithwaite wurde 1988 in Nigeria geboren, mit fünf Jahren zog sie mit ihrer Familie nach London, wo sie ihre Schulzeit verbrachte. 2001 ging sie mit ihrer Familie zurück nach Lagos, studierte dann aber wieder in London Jura und Creative Writing. Eine etwas ungewöhnliche Mischung. »Oh, das stimmt«, sagt sie am Telefon und lacht. Aber diese Mischung aus Strenge und Freiheit, Klarheit des Gesetzes und Kreativität des Schreibens war genau, was sie wollte.

Es beschreibt auch ihren Stil ganz gut: kühl und frei, streng einem scheinbar logischen Unheilsplot folgend mit überdrehter, comichafter, etwas verrückter Konsequenz. Der Kern der Geschichte jedoch ist Tragik.

Braithwaite selbst hat seit Beginn des Lockdowns Ende März ihr Haus in Lagos praktisch nicht verlassen. »Es ist für mich keine große Sache. Ich bin ohnehin sehr introvertiert und am liebsten zu Hause. Für mich hat sich nicht so viel geändert. Ich bin hier mit meiner Familie, das ist gut. Nur meinen Verlobten habe ich seit mehreren Wochen nicht gesehen.« Ansonsten sei die Lage in Lagos ziemlich angespannt. Vor allem die Menschen, die auf ein tägliches Einkommen angewiesen sind, seien verzweifelt. »Und diese Verzweiflung bringt einige von ihnen dazu, andere zu schikanieren, einzuschüchtern oder zu stehlen, wann immer sich eine Gelegenheit dazu bietet.«

Ganz nebenbei erzählt der Roman auch von den Schwierigkeiten in Lagos, die Polizei zur Aufklärung eines Verbrechens zu motivieren, wenn man sie nicht finanziell ein wenig bei ihrer Arbeit unterstützt. Von der alltäglichen Gewalt gegen Frauen, wenn beim Aufzählen des Inhalts einer Damenhandtasche am Ende »eine Trillerpfeife zum Verjagen von Vergewaltigern« genannt und hinzugefügt wird: »Die unverzichtbare Ausstattung einer jeden Frau also.« Dann eine kleine Wetterkunde: »In der westlichen Welt kann man im Regen spazieren gehen oder tanzen, aber hier ertrinkt man darin.«

Vor allem aber ist es auch eine große Geschichte über stille, introvertierte Menschen. Über die Ich-Erzählerin. Eine von jenen, die auch gezeichnet sind von ihrem Schicksal, ihrer Kindheitsgeschichte, die darauf aber nicht mit Mordlust, Kälte, Spott und Selbstbewusstsein reagieren. Sondern mit Unterwürfigkeit, Folgsamkeit, Freundlichkeit, Anpassungsstärke. Menschen, so leise, treu und unauffällig, dass sie jeder übersieht. Vor allem jene, die sie lieben. Es ist der tragische Höhepunkt dieses oft so heiteren Gewaltbuches, als Ayoola den von ihrer Schwester heimlich geliebten Oberarzt kennenlernt. Sie hätte ihn ewig so aus der Ferne weiter lieben können, in der stillen Hoffnung auf ein Zukunftswunder in der Wirklichkeit. Doch da tritt die Schwarze Witwe auf, die Schwester mit der Karamellhaut, der tödliche Magnet. Und der stille Traum ist aus.

Was war Oyinkan Braithwaites Hauptantrieb, dieses Buch zu schreiben? Sie überlegt lange und sagt dann: »Vielleicht der ständige Druck, schön zu sein, sittsam und weiblich.« Dagegen hilft: ein Buch als Waffe. Eine Schwester als Killerin.

Volker Weidermann, Der Spiegel, 2.5.2020

Kollegium Heilig Kreuz
Rue A.-de-St-Exupéry 4
1700 Fribourg 
Tel +41 (0)26 305 21 20


> Alle Informationen

logo ecolpublique blanc