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"Das Ende von Eddy" von Edouard Louis

EddyIn der Bibliothek-Mediathek verfügbar unter der Signatur: LOUI

Wo Homophobie normal ist
Édouard Louis schrieb im Debütroman «Das Ende von Eddy» über seine Kindheit. Paris feiert ihn als Literaturstar, in der Provinz wird er als Nestbeschmutzer beschimpft.
Hass kennt viele Worte. «Pédale, pédé, tantouse, enculé, tarlouze, tata, folasse . . .», Schwuli, Schwuchtel, Tunte und das ganze Genitalvokabular schreien sie ihm im Schulhauskorridor nach, zischen es ihm auf dem Pausenhof ins Ohr. Der schmächtige Eddy mit seiner effeminierten Gestik und der hohen Stimme wird gedemütigt, verprügelt, angerotzt. Er nimmt es hin mit einem Lächeln, weil er hofft, es werde die Wut der «echten Kerle» mindern, erreicht aber das Gegenteil. Er gibt sich homophob, man glaubt ihm nicht. Er organisiert eine Pro-forma-Beziehung mit einem Mädchen, und scheitert. Schliesslich gelingt ihm die Flucht aus der Not, die Homophobie in der Provinz heisst. Als sozialer Überläufer schafft er es aus der kinderreichen, mausarmen Arbeiterfamilie ins Bildungsbürgertum. Statt in der Fabrik zu malochen wie alle Männer des Dorfes, promoviert er an der École normale supérieure in Paris, einer der renommiertesten Universitäten, in Soziologie.

Bis vor zwei Jahren hiess er Eddy Bellegeule (wörtlich: schöne Fresse). Dann streifte er seine alte Identität ab und nennt sich seither Édouard Louis. Letztes Jahr erschien sein autobiografischer Roman «Das Ende von Eddy» in Frankreich. Er legt den Finger auf den Riss, der das urbane vom provinziellen Frankreich trennt. Wo der Film «Bienvenue chez les Ch’tis» die Verstocktheit der Dorfbevölkerung verklärt, klagt das Buch «Eddy» die Unentrinnbarkeit aus sozialen Strukturen an. Aufgewachsen ist Eddy/Édouard in Hallencourt, einer Gemeinde mit 1400 Einwohnern im Nordosten des Landes, in der Picardie, in enger Nachbarschaft zu den Sch’tis.

In Paris feiert man den heute 22-Jährigen als Literaturstar, in seiner Heimat wird er ausgebuht. Seine Familie hat mit ihm gebrochen. Dabei geht es Édouard Louis nicht um eine Abrechnung. «Ich verstehe mein Buch als Archäologie des Willens», sagte er in einem Interview. «Ich wollte zeigen, dass Wille – vorhanden oder nicht – keine Gegebenheit ist, sondern etwas, das ermöglicht werden muss beziehungsweise verunmöglicht wird.» Aus ihm spricht der Soziologe, der auch für die klare Strukturiertheit des Buches verantwortlich ist. Nicht die Szenen der Gewalt, sondern jene der Reflexion sind die starken. Das spiegelt sich auch in den Titeln der Kapitel wider: «Die Rolle der Männer», «Porträt meiner Mutter am Morgen», «Die Geschichte des Dorfes».

Warum nimmt Eddy die Schikane jahrelang hin? Eine weitere Frage, die den Autor beschäftigt. Die Antwort lautet: aus Angst. «Eddy» – Édouard Louis spricht von seinem literarischen Ich stets in der dritten Person – «wiederholt seine Erniedrigung, weil sie eingeschrieben ist in jenes Universum, dem er entstammt: in die Gesten, die Sätze, die Art zu denken. Die Homophobie ist omnipräsent, so dass sie ihm natürlich erscheint.»

Den Vorwürfen, er ziehe seine Herkunft und seine Familie durch den Dreck, entgegnet er mit der Haltung des auteur engagé, der sich dezidiert gegen ein L’art pour l’art als bourgeoises Konzept der Literatur stellt: «Es ist politisch und künstlerisch essenziell, die Gewalt aufzuzeigen, auf der unser Leben basiert und die lautlos arbeitet. Das ist die Verantwortung der Literatur oder des Kinos.» Sein Buch sei in erster Linie politisch, «weil alle unsere Gefühle politisch sind».

«Das Ende von Eddy» gehört für ihn nicht zwingend zur Gattung der Autobiografie – obwohl er darauf besteht, alles genau so erlebt zu haben. Vielmehr handle es sich um Autofiktion. Das trifft es tatsächlich genauer, vor allem wegen der bohrenden Analysen, die Louis auf jede Schilderung des Familien- und des Dorflebens folgen lässt.

Von beiden ist Édouard Louis mittlerweile weit entfernt. Soeben hat er seinen zweiten Roman abgeschlossen. Diesmal geht es um algerische Asylbewerber im Frankreich der sechziger Jahre. Flüchtlinge, wie er.

Regula Freuler, NZZ am Sonntag, 15. März 2015

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