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"Ein wenig Leben" von Hanya Yanagihara

YanagiharaIn der Bibliothek-Mediathek verfügbar unter der Signatur: YANA

Ein Dasein auf der Rasierklinge
Schuld und Scham und Selbstverstümmelung: Hanya Yanagiharas brutaler Roman «Ein wenig Leben»

Es gilt von einem verstörenden Roman zu berichten, der seit Monaten ganz oben in den Charts rangiert. Der Roman heisst «Ein wenig Leben» und stammt von der amerikanischen Autorin Hanya Yanagihara. Auf 957 Seiten schildert sie die Freundschaft, die vier Männer seit ihren College-Zeiten über Jahrzehnte miteinander verbindet. Als da sind: Jean-Baptiste Marion, der aus Haiti stammt und sich als Künstler einen Namen machen wird. Malcolm Irvine, der Sohn eines afroamerikanischen Juristen, ein Architekt mit Zukunft. Willem Ragnarsson, ein Farmersohn aus Wisconsin, der zu einem gefeierten Filmstar heranreift. Und Jude St. Francis, ein dereinst äusserst erfolgreicher Anwalt. Fast mühelos erklimmen sie von New York aus Stufe um Stufe ihrer Karrieren.

Das Verstörende an dem Roman ist Folgendes: Über die Vergangenheit von Jude St. Francis erfährt man auf den ersten 300 Seiten eigentlich gar nichts. Seine Biografie bleibt im Ungefähren. Erst langsam stellt sich heraus, dass er die Hauptfigur dieses Dramas werden wird. Seine Leidensgeschichte ist die eines in seiner Jugend schwer sexuell misshandelten Mannes, der diese Last über sein gesamtes Leben hinweg nicht von sich zu werfen vermag. Aus diesem Grunde übt er sich in Selbstbestrafung, indem er sich wieder und wieder mit Rasierklingen schneidet.

 

Seelenpein

Der Schmerz, den er dabei empfindet, mindert seine seelische Pein, wenn auch nur für Minuten. Zu tiefen menschlichen Beziehungen ist er nicht dauerhaft in der Lage, weil er glaubt, Zuneigung nicht zu verdienen. Die Näherungsversuche seiner Freunde, seines Arztes, seiner Adoptiveltern bleiben in Ansätzen stecken, weil Jude St. Francis sie wieder und wieder zurückweist: Er fühlt sich zu schuldig, um ihrer Fürsorge würdig zu sein. Selbst die Liebesbeziehung, die er schliesslich mit Freund Willem eingehen will, ist ein Wechselbad extremster Gefühle: Auf einen Schritt der Hingabe folgen unweigerlich zwei Schritte des Rückzugs. Der Mann ist für immer gebrochen, und er ahnt es, ja, er nimmt es als Schicksal an. Das Ende ist absehbar.

Hanya Yanagiharas Sprache, mit der diese Passionsgeschichte beschrieben wird, hat die Schärfe jener Rasierklinge, mit der sich Jude St. Francis regelmässig ritzt. Die Gefühlslagen des Jude St. Francis legt sie mit chirurgischer Präzision frei. Der Leser fühlt sich mitgerissen im Sog dieses Romans, der Fragen der Schuld, der Güte, der Erlösung von fast biblischem Ausmasse verhandelt. Das ist so verstörend, dass man das Buch zwischendurch weglegen und nicht zu Ende lesen möchte. Das ist so verstörend, dass man es zwischendurch nicht weglegen kann und zu Ende lesen muss.

Die Verletzungen des Jude St. Francis, die körperlichen wie seelischen, teilen sich hier durch Sprache unmittelbar mit. Wie Hanya Yanagihara das macht, ist ein kleines Wunder: Ihr Stil ist lapidar, unaufgeregt, ja nachgerade verhalten. Manchmal rutschen ihr ein paar falsche Bilder durch, aber das macht nichts: Mit grosser Menschenkennerschaft streift sie durch die Gefühlswelt eines tief gedemütigten Mannes und leuchtet die Abgründe seiner Seele aus.

«Yanagiharas Roman kann dich verrückt machen, verschlingen und von deinem Leben Besitz ergreifen», urteilte The New Yorker, so steht es auf dem Buchcover. Das ist vielleicht übertrieben. Aber «Ein wenig Leben» kann und darf und wird niemanden kalt lassen, der sich darauf einlässt.

Jochen Schmid, Basler Zeitung; 25.04.2017

 

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