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Die Villa Saint-Jean

Der Name „Villa Saint-Jean“ bezeichnet einen Komplex mehrerer Schulgebäude, welche der Freiburger Staat 1970 samt Areal erwirbt, ohne dessen zukünftige Bestimmung festzulegen. Nachdem Ende der 1970er-Jahre die Entscheidung für einen Neubau (Kap. 9) für das Gymnasium gefallen und dieses ganz verstaatlicht worden ist (Kap. 2), wird die Villa Saint-Jean während mehrerer Jahre zu einem weiteren Unterrichtsort. Der Staat übernimmt die Villa Saint-Jean in baufälligem Zustand. Daran vermögen auch die folgenden Jahrzehnte nichts zu ändern.

Die Villa Saint-Jean besteht aus fünf Gebäuden: dem Haus Bossuet, La Sapinière, der Villa Gallia, Les Ormes und dem Pavillon Saint-Jean. Die Anlage ist etwas abseits des neu gebauten Boulevard de Pérolles (Kap. 3.1.) in einer Waldlichtung gelegen und gehört bis 1906 zur Gemeinde von Villars-sur-Glâne. Ihr Name geht auf den Namen der Waldlichtung zurück.

Tastsächlich verbirgt sich hinter der eher trostlos wirkenden Anlage eine besondere Geschichte: Unter dem Namen „Villa Saint-Jean“ eröffnen die Marianisten 1903 und damit ein Jahr vor der Gründung der Akademie (Kap. 3) eine bis 1970 bestehende Schule. Ihre Gründung fällt in eine Zeit, als sich in Frankreich Katholiken und Antiklerikale in heftigen Auseinandersetzungen gegenüberstehen und die 1905 gesetzlich verankerte Trennung von Kirche und Staat viele wohlhabende, insbesondere aristokratische Familien veranlasst, ihre Kinder ausser Landes in bevorzugt französischsprachigen, katholischen Schulen unterzubringen.

Als Teil dieser Bewegung eröffnen die Marianisten in der Stadt Freiburg, die am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert als die katholische Stadt schlechthin gilt, unter der Leitung von Pater François Kieffer eine Schule. Im Kanton Freiburg sind die Marinanisten keine Unbekannten, denn sie leiten bereits in Grangeneuve eine landwirtschaftliche Schule und bleiben im Verlauf des 20. Jahrhunderts in zahlreichen weiteren kantonalen Einrichtungen tätig.

Die Marinanisten pflegen einen liberalen Erziehungsstil, der sich von den pädagogischen Methoden der meisten Internate der Zeit abhebt, denn sie setzen weniger auf Disziplin als auf Einsicht der Schüler. Und das kommt an. Zu Pater Kieffers Schülern kommt 1915 ein junger, leicht zerstreuter, verträumter Franzose hinzu, der wohl mit autoritären Erziehungsmethoden seine Probleme gehabt hätte: Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944). Zusammen mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder François (1902-1917) hält er sich bis 1917 in der Villa Saint-Jean auf. Ab und zu erhalten die Beiden Besuch von ihrer Mutter, vielleicht auch deshalb, weil Antoine ihr in einem seiner Briefe geschrieben hat, dass er sich in Freiburg langweile. Antoine ist nicht ohne Unterbrechung in Freiburg. Zwischenzeitlich reist er nach Frankreich zurück, um dort die Abiturprüfungen abzulegen.

Antoine de Saint-Exupéry ist ein eher mittelmässiger Schüler, vor allem in Geografie. Umso interessierter zeigt er sich an Literatur. Er liest viel, z. B. Baudelaire und Dostoïevski, und trotz seiner Schüchternheit erweist er sich als guter Schauspieler. Ständig trägt er Notizzettel mit sich, auf welchen er Gedichte entwirft. Dieser Gewohnheit bleibt er treu, bis er 1944 ohne Nachricht verschwindet und seither als verschollen gilt. Einige seiner literarischen Entwürfe sind erhalten geblieben.

Die Villa Saint-Jean wie auch die Umgebung gefallen Saint-Exupéry ganz gut, und er wird beides in guter Erinnerung behalten. Eher ungewöhnlich für ihn kehrt er 1927 anlässlich eines Ehemaligentreffens nochmals nach zu Freiburg zurück – ein Indiz dafür, dass er zurzeit seines Aufenthaltes Freundschaften geknüpft hat. Paradoxerweise kommt er gemäss eigener Aussage gerade während seiner Freiburger Zeit vom Glauben ab. Er sagt sich von der Kirche los und entwickelt seine Betrachtungen weiter unter der Betonung, dass es, um Mensch zu sein, nicht genüge, ein guter Schüler zu sein. Die beiden Brüder verlassen die Villa Saint-Jean zum Schuljahresende 1916/17. Aus Krankheitsgründen reist François etwas früher ab. Wenig später stirbt er.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs hält die Villa Saint-Jean an ihrem Ursprungsmodell fest, kämpft aber mit zunehmenden Schwierigkeiten bei der Rekrutierung neuer Schüler, weshalb die Verantwortlichen die Schule um 1960 nach einem amerikanischen Modell neu auszurichten und die Leitung Patern aus den USA zu übertragen. Da die erhoffte Wirkung ausbleibt schliesst die Villa Saint-Jean 1970 ihre Tore, woraufhin der Freiburger Staat den Gebäudekomplex samt Areal erwirbt.

Rund zwanzig Jahre später wächst in der Stadt Freiburg der Wunsch, die historische Bedeutung der Villa Saint-Jean zu würdigen und einem ihrer berühmtesten Schüler die Ehre zu erweisen. Sie tut dies, indem sie 1996 einer Strasse den Namen „Antoine-de-Saint-Exupéry“ gibt und im Jahr 2000 beim Eingang der Villa Gallia eine Gedenktafel anbringen lässt, die an den Aufenthalt des Schriftstellers erinnert. 


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